Das Moral-Konto

 

Kennen Sie das? Sie haben sich angestrengt, viel gearbeitet und auf einiges verzichtet. Sie haben Gutes getan, für die Firma, für die Mitarbeiter, und (weil die Erfolge ganz ansehnlich waren) Sie haben sogar noch gespendet. Sie können auf eine beeindruckende Liste schauen, die gut gefüllt ist mit positiven und wertvollen Taten.

Und dann haben Sie das Gefühl: Jetzt bin ich mal dran! Sie gönnen sich richtig was. Wenn man schon so viel Gutes tut, machen ein paar Sünden auch nichts, sagen Sie sich. Ich mache das nur ausnahmsweise und habe es jetzt mal verdient.

Tatsächlich ist das ein bekannter Effekt, zu dem es auch eine ganze Reihe an Studien gibt. Psychologen sprechen vom „Moral-Konto“. Offenbar zählen wir innerlich quasi mit, während wir Dinge leisten, Positives tun. Wenn wir mit dem Fahrrad etwas erledigen anstatt dem Auto, wenn wir im Bioladen einkaufen und nicht im Billig-Markt, wenn wir Kurzurlaub in der Rhön machen, anstatt mit dem Flugzeug schnell auf die Kanaren zu jetten. Irgendwann ist unser Moral-Konto dann gut gefüllt.

Und genau dann erlauben wir uns, auch mal richtig zu sündigen, uns etwas zu leisten – etwas, was man „bei Tageslicht betrachtet“ vielleicht gar nicht machen würde. Etwas, was möglicherweise nicht alle mitkriegen sollten: kleine Sünden und Fehltritte. Die Geschichte zeigt, dass viele größere Verfehlungen und oder Skandale so entstanden sind.

Was gibt den Ausschlag?

Ist das immer so? Alternativlos? Oder anders gefragt: Was könnte den Ausschlag geben dafür, dass man solchen Impulsen nicht nachgibt, sondern sich moralisch konsequent verhält?

Auch zu dieser Frage gibt es Studien. Sie besagen: Menschen bleiben moralisch dann konsequent, wenn ihre Handlungen mit den eigenen Werten übereinstimmen. Wenn sie von einer Sache fest überzeugt sind.

Es gilt, die Auslöser im Blick zu behalten. Gerade wenn wir eine hohe Leistungsdichte haben, wenn wir Stress aushalten, und noch mehr, wenn wir nachweislich viel Positives getan haben, kann es geschehen, dass wir aufhören, unsere Impulse und Handlungen zu hinterfragen. Ähnlich auch, wenn wir zur Bewältigung von schwierigen Umständen beigetragen haben, wenn wir viel Lob von anderen erhalten.

Selbst die Weichen stellen

Dann kommt der Moment, in dem wir die Belohnung verdient hätten – und selbst die Weichen stellen. Wir können es laufen lassen. Oder wir können selbstregulatorisch eingreifen, uns im wahrsten Sinne des Wortes auf unsere Werte besinnen.

Wer in solchen Situationen den Verlockungen aller Art widerstehen möchte, dem kann es helfen, sich selbst die Warum-Frage zu stellen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein „Warum“ dabei hilft, den sogenannten Moral-Licensing-Effekt zu reduzieren. Indem wir „Warum?“ fragen, betrachten wir unser Moral-Konto aus einer übergeordneten Perspektive. Das stärkt unsere Fähigkeit zur Selbstregulation und unsere Orientierung an den eigenen Werten. Es macht die sonst unbewussten Bewegungen auf unserem Moral-Konto für uns sichtbar. Manchmal müssen wir uns einfach nur die Zeit nehmen, darüber nachzudenken.

  • Mit welchen Handlungen haben Sie Ihr Moral-Konto in letzter Zeit aufgefüllt?
  • Was haben Sie im Gegenzug toleriert?
  • Womit entschuldigen Sie sich selbst?
  • Was sind die Werte, die Ihnen persönlich Orientierung und Standfestigkeit geben?

„Eines der wesentlichen Probleme heutiger Führungskräfte ist, dass sie nicht die Zeit haben (und sie sich auch nicht nehmen), um über ihre Handlungen und Ausrichtungen nachzudenken, zu reflektieren und dann aus ihrer inneren Überzeugung heraus konsequent zu handeln.“ (Dr. Clemens Müller-Störr)

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